Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Wellness

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 15.10.2005

Worte schaffen Wirk-lichkeit. Indem etwas benannt wird, wird es quasi verfügbar – man kann es immer wieder aus der Erinnerung ab- und damit ins aktuelle Denken herbeirufen. Denken wir nur an die für den deutschen Sprachgebrauch neuen Begriffe Mobbing oder Stalking: die Phänomene gab es schon immer, aber erst mit einem „Namen“ können wir sie schnell kommunizieren – so, dass jede/r weiß, wovon wir sprechen und auch beispielsweise weiß, dass damit unerwünschtes Verhalten gemeint ist und welche Folgen es nach sich zieht.

Es gibt aber auch erwünschtes Verhalten, das man erst mit einem Namen umfassen muss, damit man dazu Verhaltensregeln aufstellen kann. Wellness ist solch ein Wort. Sein Vorläufer war Fitness, und ich kann mich gut an eine befreundete Ärztin erinnern, die in meinem Umfeld in den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts als erste dozierte, man empfehle nun nicht mehr Fitness, weil sich viele Leute im falsch verstandenen Ehrgeiz, körperlich leistungsfähig wie ein Olympionike sein zu wollen, krank trainierten, sondern sanfte Wellness: sich was Gutes tun (lassen). Die ersten „Feel good“ – Bücher tauchten damals auf. Die ersten kommerziellen Wellnessangebote ergänzten die Anregungen der so genannten Lebensstil-Medizin. Heute haben sich schon viele Hotels auf Wellnessangebote spezialisiert und propagieren ihre Verwöhnangebote ... und genau dort beginnt das Dilemma: diejenigen, die sich ab und zu „gönnen“ (und auch leisten) können, einige Tage auszuspannen, an raffiniert bestückten Buffets zu gustieren, sich massieren zu lassen, im wohltemperierten Wasser zu „spielen“, fernöstliche Gesundheitsgymnastik zu wagen und vielleicht auch die eine oder andere „alternative“ Heilmethode auszuprobieren, sind eher die gut Ausgebildeten, gut Verdienenden und gut sozial Anerkannten.

Wie aber geht es denjenigen auf der anderen Seite der Bandbreite beruflicher und privater Anforderungen? Immer wieder rufen mich nach meiner regelmäßigen ORF-Sendung in Radio Niederösterreich Bäuerinnen an und klagen: „Jetzt bin ich Anfang / Mitte / Ende fünfzig / sechzig und mein Körper spielt nicht mehr mit – und jetzt hör ich nur mehr, Du bist unnütz, Du leistest zu wenig, verschwind‘ doch endlich, ich / wir können dich nicht mehr brauchen“. Gerade diese Frauen, die ihr Leben lang schwer gearbeitet haben, wären es, die die Erlaubnis – und die Finanzierung! – bräuchten, sich in regelmäßigen Abständen zur Regeneration zurückziehen zu dürfen. Unlängst war ein Ehepaar bei mir, beide in der Landwirtschaft tätig (ihre vier Kinder zu ihrem Leidwesen allerdings nicht), die berichteten, sie würden sich schon seit Jahren wann immer es ginge, einen oder zwei Tage dieser „Auszeit“ organisieren – und dafür in ihrem Wohnort heftige Kritik ernten. Die sadistische Ideologie von „Wer nichts arbeitet, braucht auch nicht zu essen“ ist eben noch nicht verschwunden.

Ausruhzeiten sind not-wendig. Alles, was lebt, braucht den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Einseitigkeit rächt sich – physisch. Auch wenn die psychosomatischen Symptome, die einen zur Ruhe „zwingen“, erst mit Zeitverzögerung unübersehbar werden. Ein paar Stunden Erschöpfungsschlaf allein sind auf Dauer nicht ausreichend. Denn welche Regeneration bringt schon Nachruhe neben „dem Feind in meinem Bett“?

Um sich wirk-lich erholen zu können, braucht man auch das Gefühl, anerkannt, geachtet zu werden und: liebevolle Zuwendung. Das Geheimnis des Wellness-Gedankens liegt in der Absicht, jemand anderem gut zu tun, und das beginnt mit einem Lächeln am Frühstückstisch und all den „Streicheleinheiten“, die man üblicherweise nur geliebten Kindern zukommen lässt.


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