Lesen erschienen in: Wenn die Zeiten schlechter werden, lesen die Menschen mehr, zeigt die Erfahrung. Vor allem Zeitungen. Man will ja möglichst schnell erfahren, worauf man sich aktuell einstellen muss. (Sie gehen aber auch mehr ins Wirtshaus – ist ja auch eine Informationsquelle! Oder das Gegenteil: „Glücklich ist, wer vergisst ...“, wie es in der geheimen österreichischen Nationalhymne von Johann Strauss von den „noblichen Leuten“ gesungen wird, und König Alkohol hilft dabei – bis zur Demenz!). Was aber vor allem zu boomen scheint, wenn man sich die Bestsellerlisten anschaut, sind Sachbücher, die irgendwie mit dem Thema Macht zu tun haben: Biografien erfolgreicher Künstler, Sportler, Politiker, Ratgeber gegen Machtlosigkeit (dazu zähle ich auch Kochbücher: denn der erste Triumph ist wohl immer, jemand dazu zu bringen, etwas hinunter zu schlucken, das er oder sie gar nicht mag!) und Enthüllungsbücher über Despoten und andere Machtmissbraucher. Spiegelt sich darin das Interesse der Leserschaft nach verbesserter sozialer Selbstverteidigung wider? Die wird wohl unabdingbar in einer Zeit zunehmender Entsolidarisierung, wachsender sozialer Kälte und immer mehr Chefs und Chefinnen, die sich autokratisch von den geforderten Respekts- und Partnerschaftsverpflichtungen befreien? Die einen suchen nach Tipps, Tricks, Taktiken und Strategien, der Vernichtung durch brutale Vorgesetzte zu entgehen, die anderen nach Wegen, selbst in solch eine übergeordnete „sichere“ Position zu gelangen. Meine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Topmanagern zeigt allerdings, dass die wahren und echten Spitzen der Wirtschaft nach wie vor auf Win-Win-Strategien setzen. So sagte mir vor gar nicht so langer Zeit Raiffeisengeneralanwalt Dr. Christian Konrad im Gespräch, als ich seinen Vorteil eines bestimmten Projekts darlegen wollte, väterlich schmunzelnd (wir sind gleich alt!): „Keine Sorge – ich achte immer darauf, dass beide was gewinnen!“ Daran erkennt man nämlich wahre Größe und Kompetenz: an der Beachtung von Nachhaltigkeit. Man ist sich bewusst, dass alles, was man tut, in der Folge auf einen zurück kommt. Nur inkompetente Möchtegerns empfehlen (und üben) Dolchstöße. Die Mörder sind sowieso unter uns. Man muss nach anderen Wegen suchen. Die aber finden sich eher in den Büchern, die in den Buchhandlungen unter „Esoterik“ sortiert sind, manchmal, aber selten, auch unter „Religion“. Das finde ich schade. Mir ist nämlich immer wieder aufgefallen, dass in solchen Büchern nicht nur Methoden, die zu den Basics psychotherapeutischer Schulen gehören, in populär-verständlicher Weise einem breiten Leserpublikum nahe gebracht werden, sondern auch Erfahrungen von Kooperationen, die ich aus meiner langen Berufstätigkeit als auch Juristin, auch Nationalökonomin, auch Pädagogin als effizient bestätigen kann. Es liegt nicht immer nur an den eifrigen Bemühungen der Presse- und Marketingreferent/innen der Verlage, dass bestimmte Bücher überhaupt medial erwähnt werden, oder an den Freundschaften zwischen Autoren und Rezensenten, die jemand „weltberühmt in Österreich“ (Zitat Stephan Rudas über Erwin Ringel) machen. Manchmal lesen die Vertreter der gestressten schreibenden Zunft so ein Buch ausnahmsweise mal selbst und vollständig und reagieren neidlos und ehrlich mit Anerkennung – wenn sie merken, dass es auch sie gedanklich oder emotional bereichert hat. Nicht nur „bad news are good news“ und nicht nur Zyniker
oder psychisch Kranke sind lesenswerte Buchautoren. Kultur entsteht
nicht nur aus Frust – das können wir tagtäglich an
unseren Kleinkindern beobachten. Vorausgesetzt wir sind nicht selbst
schon so kaputt, dass uns nur noch Extremstes aus der Lethargie reißt. |