Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
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Foto: Helmut Klein

Völlerei

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 24.09.2005

Da hörte ich unlängst in einer Radiosendung eine Frauenstimme, die lobte, was gäbe es denn Feineres, als sich am Abend mit einem guten Buch „und einem Glaserl Wein“ zu entspannen. Ich stutzte: welch übervolle Autosuggestion, wie Entspannung herzustellen sei! Genügt nicht die körperliche Müdigkeit nach einem arbeitsreichen Tag? Genügt nicht das geistige Umschalten auf eine der vielen Welten, wie sie sich zwischen Buchdeckeln entfalten? Genügt nicht der sinnliche Genuss des Gaumens und der Zunge, die prädepressiven Verspannungen rund um das Gebiss zu entkrampfen? Denn: Saug-, Kau – und Schluckbewegungen massieren gleichsam von innen die „depressive Maske“ weg.

Wer nicht genießt, wird ungenießbar, weiß der Volksmund, und genießen lernen wir als Säuglinge – dann, wenn wir in „unserer“ Zeit nuckeln dürfen, und wenn wir dabei geliebt werden. „Stillen“ bedeutet ja nicht nur – negativ betrachtet – ruhig gestellt zu werden, indem man einem den Mund stopft! Es beutet – positiv definiert – ruhig zu werden, weil man satt ist, voll, „erfüllt“ von der Energie einer liebevollen Bezugsperson, der man wichtig ist, die einen umsorgt und versorgt und Sicherheit spendet. Urvertrauen.

Diesen (unbewussten, körperlichen) Empfindungen und (bewussteren, seelischen) Gefühlen jagen wir ein Leben lang nach – oder verdammen sie als kindlich, schwächlich, unbeherrscht ... Dann nämlich, wenn man sonst den Neid auf die Glücklicheren, Geliebteren nicht aushalten würde.

Das rechte Maß zu finden zwischen zuwenig und zuviel, zwischen Askese und Völlerei, zwischen Aktivität und Passivität, zwischen Fressen, Saufen und Hungern, Dürsten, ist eine Lebensaufgabe – nicht nur für jeden einzelnen Menschen, sondern auch für die ganze Menschheit. Die Basis für späteres Konsumverhalten wird für jedes Individuum in frühester Kindheit gelegt. Wer in dieser Lebensphase hängen bleibt, will später versorgt werden – materiell-physisch ebenso wie emotional-psychisch. Jeder Wirt, jede Barfrau weiß das, und viele dieser Laienpsychotherapeuten retten oft mehr Ehen, Berufsexistenzen und auch Menschenleben, weil sie das Loch in der Seele füllen, das so viele glauben durch Speis und Trank stopfen zu können.

Es gibt aber auch die, die wissen, wie wenig Anregung von außen man braucht, um innerlich voll zu werden: jede Sinneserfahrung ist in unseren Neurosignaturen gespeichert und kann über Erinnerung wieder abgerufen werden. Wir kennen das aus unseren Träumen; aber sich aktiv und passiv zu gleich in Tagträume sinken zu lassen, wagen wenige. Warum eigentlich? Ist es der Verlust an Kontrolle, den sie fürchten? Echter Kontrollverlust stellt sich doch schon eher dann ein, wenn man sich mit Drogen voll pumpt (und da zähle ich Alkohol dazu!).

Wenn der Herbst – die Zeit der Ernte – naht, wenn wir danken, dass die Natur ihre Früchte hergibt und damit unser Leben nährt, bietet sich auch Besinnung an: Nachdenken über unseren persönlichen Umgang mit Fülle und Mangel. Mit Verlockungen. Nicht umsonst gelten Äpfel als Symbol für pralle Brüste – oder wie Desmond Morris meint – im ureigentlichen Sinn für Gesäßbacken; nicht umsonst häufen sich die Geschichten weinseliger Verbrüderungen – oder sexueller Vereinigungen unter Alkoholeinfluss, und der Volksmund unkt wieder: Liebe geht eben durch den Magen – quasi als Erinnerung an das frühkindliche Schlaraffenland. Dankbarkeit nicht nur für Mutter Natur, sondern auch die Person, die „muttert“, indem sie etwa die Speisen zubereitet. Deswegen kochen ja auch viele Männer so gerne und derzeit immer öfter: weil „muttern“ auch eine kreative und auch Autonomie stärkende Tätigkeit darstellt: man erlebt, dass man sich selbst versorgen kann und – sich selbst bemuttern.


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