Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Schönheit

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 17.09.2005

In der aktuellen Inszenierung von Puccinis „Manon Lescaut“ – der zeitlosen Geschichte eines leichtlebigen jungen Mädchens im Konflikt zwischen Liebe und materiellen „Werten“ – von Robert Carsen und Antony McDonald in der Wiener Staatsoper, spielt die Handlung in der Gegenwart und – in einer Einkaufsstraße. Das wurde von manchen Kritikern als ziemlich unpassend empfunden. Genau das hat mich an der Aufführung aber besonders angesprochen: schon zu Beginn flanieren sogenannte Society-Ladies mit fashionablen Einkaufstüten entlang überdimensionaler Auslagen mit Cocktailkleidern. (Dass die Einkaufstüten das Chanel-Logo tragen, ist wohl ein raffiniertes Product Placement – jedenfalls zeigen sich ungeahnte Möglichkeiten des Opern-Sponsorings!). Später sieht man einige dieser Roben wieder – im zweiten Akt, und zwar an Manons Körper.

Dieser zweite Akt beginnt zusätzlich mit einem kosmetischen Rundumservice an der Titelheldin: Manon hat ihren armen Studenten Des Grieux schon wieder verlassen und lässt sich vom alten, reichen Geronte aushalten. Mode, Kosmetik, Schmuck, das Wohnen in Prachthotels – all das, was sich auch kriminelle Zechpreller „gönnen“ ohne zu bezahlen – und zusätzlich der kamera-umschwärmte Auftritt zeigen, wie die Verlockungen des „süßen Lebens“ kein soziales Problem einer Vergangenheit der extremen Klassengegensätze sind.

War es bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts in unseren Breiten fast immer soziale Not (oder die „Zurichtung“ durch einen Zuhälter), die viele Mädchen, aber auch Mütter in die Prostitution führte (und arbeitsscheuen Männern ein oft nicht unbeträchtliches Einkommen ermöglichte – wie ja auch heute!), schien diese Ausbeutung weiblicher Naivität oder Verzweiflung zu Beginn der 70er Jahre überwunden: immer mehr Frauen verdienten ihr eigenes Geld und konnten sich dank preiswerter modischer und kosmetischer Massenproduktion auch nett herrichten ohne nächtelang die Finger wund zu sticheln oder einen – ehelichen oder außerehelichen – „Mäzen“ ertragen zu müssen, der sich jedes Abendessen, jedes Paar Strümpfe in Naturalleistungen ersetzen ließ.
In der „Übergangszeit“ von der „normalen“ finanziellen Abhängigkeit von solch einem Big Spender zum Eigensponsoring gaben die medialen Vor-Bilder regelmäßig der „wahren“ Liebe den Vorrang. Ich erinnere mich noch gut an den Film „Wie angelt man sich einen Millionär?“ mit der umwerfend komischen Marilyn Monroe als kurzsichtiger Sexbombe: da dreht sich das ganze Denken der drei Überlebenskünstlerinnen darum, Männer zu finden, die ihre Mietschulden zum Verschwinden bringen könnten. Sex in the City als Einkommensquelle ... aber letztlich siegt Herz über Brieftasche.

Dann allerdings tauchte das Phänomen der Tauschgeschäfte Sex gegen Einladungen und Geschenke wieder auf. In meiner psychotherapeutischen Praxis begegnete ich ihm wieder Mitte der 90er Jahre: da kamen smarte Jungmanager und beklagten sich über ihre Freundinnen, von denen (samt Verwandtschaft) sie sich ausgebeutet fühlten: die Frauen kamen aus den ehemaligen Ländern des Otsblocks oder aus Fernost, brachten Schwestern und Mütter mit und erwarteten von den in ihren Augen reichen Westländern totale, nämlich finanzielle Unterstützung. (Umgekehrt fand auch so manche Mittelschulprofessorin plötzlich den tunesischen Urlaubsflirt samt Koffern vor ihrer Tür: in den Augen des Kellners war sie ja ein Millionärin!).

Das eigentliche Problem liegt aber ganz tief unten in der Seele: wer von klein auf gelernt hat, Liebe an Leistung zu koppeln, hält andere und auch sich selbst nur für liebenswert, wenn etwas von ihnen geleistet wurde, und für wertvoll (oder akzeptabel) nur die, die sich etwas leisten können.


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