ABC erschienen in: Alle Jahre wieder beginnt er Anfang September, der sogenannte Ernst des Lebens: das, was manche neiderfüllte Langschläfereltern ihren Kindern als Gegensatz zur heiteren Lust des grenzenlosen Matratzenkuschelns mies machen ... der Schuleintritt. Alltagssadisten zeichnen den „tapferen“ ABC-Schützen dann Schule als Kampfplatz und die Lehrerschaft als Feindbild, das es zu bekämpfen und möglichst zu besiegen gilt. Wen wundert es also, wenn verschreckten Erstklassler/innen quasi „Feigheit vor dem Feind“ vorgeworfen wird, wenn sie dem Unbekannten scheu begegnen und – bei allem Verständnis für genervte Eltern, die sich für ihr anklammerndes Zwerglein genieren – statt Akzeptanz und Geduld, Kritik, vielleicht sogar Spott und Hohn ernten, und damit am freudigen Zugang zum Lernen gehindert werden? Nicht jedem Kind macht Lernen Freude. Ähnlich wie in der professionellen Gesundheitspflege die Arzt-Patient-Beziehung wesentlichen Anteil am Gesundungsgeschehen besitzt, hängt es auch von der Beziehungsdynamik des Unterrichts ab, ob jemand negativem Stress ausgesetzt wird oder „voll Staunen“ – was laut der Erziehungswissenschafterin Gertrude Brinek den Beginn des Begehrens von Erkenntnis darstellt – jeden Tag sein Leben durch neues Wissen und neue Fertigkeiten bereichern kann. Analphabeten werden in diesem Prozess der Selbstbereicherung im Stich gelassen. Ich erinnere mich mit Wehmut an die seltenen Begegnungen mit meinem Schwiegervater, der immer seine Brille vergessen, verlegt oder auch nur verleugnet hatte, wenn es was zu schreiben oder zu lesen galt. Tatsächlich in der Position eines Vorarbeiters bei den Bundesbahnen gelangte der bescheidene Mann wohl auch deshalb nie über den finanziellen Status eines Hilfsarbeiters hinaus – man kannte sein „Geheimnis“, „schonte“ ihn und nutzte ihn aus. Denn nicht nur Frauen, wie sie im Fernsehen gerne als Betroffene dargestellt werden, wenn es um soziale Schattenseiten geht, sondern auch Männer verstecken ihre Behinderung, sich im ABC-Dschungel zurechtzufinden. Nur: Frauen raffen sich meist irgendwann auf und setzen sich mit fünfzig noch vor Schulhefte um das Versäumte nachzuholen. Männer bleiben leider meist im Verbergen ihrer Schwächen hängen ... Sich schämen bedeutet, in einem Zustand von Luftanhalten, daher Verengung, folglich Verkleinerung und Stillhalten zu befinden; er macht krank (weil er den Fluss des „seelischen Stoffwechsels“ unterbricht und fixiert). Dabei zeigen die vielen Ausreden und Ausweichmanöver, mit denen Analphabet/innen ihrer Enttarnung zu entgehen versuchen, beachtenswerte soziale Kreativität! Ein Talent, das oft schiere Bewunderung verdienen würde! Und vielleicht liegt es auch an dieser unbeachteten Kreativität, die späteren Analphabeten die Anpassung an die „Buchstabenkultur“ vermiest: kleine Kinder suhlen sich noch in der Lust an Sprachspielereien. Die werden ihnen aber meist verboten. Oh du wunderbares Wort „zerscherben“! Fast jedes Kind kreiert es irgendwann, und dann keift meist irgendein Erwachsener, „Das heißt nicht zerscherben – das heißt zerbrechen!“ Dabei ist die Unterscheidung in Glas- und beispielsweise Holzbruch doch sinnvoll – oder? Nur die Widerstandskräftigsten „überleben“ diese Einheitsdressur – und werden später vielleicht Sprachkünstler wie Ernst Jandl. Dabei kann man mit Wort-Schöpfungen Unsummen verdienen – in der Produktwerbung. Der Pionier dieser Branche, ein Deutscher, heißt Gotta. Gott-a. Da Gott uns laut Bibel ja nach seinem Ebenbild geschaffen hat, wohnt uns Kreativität inne – „wenn man uns lässt“. Also los damit! Und: Sollen wir nicht auch wieder werden wie die Kinder? |