My ship is my castle erschienen in: Da läuft doch derzeit so eine TV- Werbung, wo ein Autofahrer neidvoll auf seinen rechts von ihm Fahrenden blickt: der ist ein ein stolzer Jüngling, der sichtlich selbstzufrieden ein schnittiges Schiff mit Propellerrädern durch die Lüfte lenkt ... „Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht“ lautet dazu der überleitende Slogan. Überleitend zum unglaublich günstigen Handy-Tarif. Das, was emotional ansprechen soll, ist die raffiniert auf die Selbstzufriedenheit des „Steuermannes“ hin gelenkte Aufmerksamkeit der Betrachtenden – mit der soll man sich identifizieren und sie wiederum mit dem Handybetreiber verknüpfen. Meine Recherchen bei fleißigen Werbezuschauer/innen hat ergeben: die Identifikation mit dem Straßenkapitän gelingt, die mit dem Telekommunikationsanbieter nicht (oder wissen Sie noch, welcher es war?). Der geradeaus gerichtete „Blick über die Reling“ hat ja auch was königlich Gebieterisches (im Gegensatz zu dem seitlichen, der ist Passagieren – oder Seekranken – zugeordnet!). Deswegen laden die echten – professionellen – Kapitäne ja auch gerne Politiker ein, für kurze Zeit ihr Steuer zu übernehmen – als beliebtes Sujet für die „Hofbildberichterstatter“ der Tageszeitungen und als anbiedernde Zukunftsinvestititon für die eigene Karriere. (Aus ähnlichen Motiven überreichen Kapellmeister dem anwesenden höchstrangigen Politiker ihren Taktstock: den „Ton angeben“, andere „dirigieren“, „auf der Bühne stehen“ und – hoffentlich! – Applaus einheimsen, das wärmt das zumeist eher gestresste als frohlockende Politikerherz! Übrigens: absichtlich männliche Form! Weibliche Pendants sind mir bislang nicht untergekommen.) Wie im trivialen Leben an Land tummeln sich auf Schiffen aber nicht nur Kapitäne und Steuermänner – es schleichen auch Meuterer herum, Piraten dringen ein – und oft schläft auch irgendwo ein blinder Passagier. Raoul Schindler, der weit über Österreichs Grenzen hinaus angesehene Doyen der Rangordnungsdynamik hat das Wechselspiel von „Alphas“ und „Omegas“ enttarnt: Alphas führen – bis ihnen aus den Reihen der ihnen zuarbeitenden Betas und subaltern dienenden Gammas ein Widerspruchsgeist entgegen zu stehen beginnt, der sogenannte Omega: er befindet sich in Opposition und versucht – bewusst oder unbewusst – selbst die Führung zu erlangen. Jede gruppendynamisch geschulte bzw. erfahren Person kennt das: die, die sich im traditionellen Sesselkreis an seine / ihre rechte Seite setzt, wird früher oder später heftig zu konkurrieren beginnen – oder sich einzuschleimen, quasi als unterwürfige Abwehr jeglicher Konkurrenzimpulse; die hingegen, die den Platz genau vis à vis wählt, wird opponieren. Besonders hinterlistige Meuterer wählen allerdings einen Platz zur Linken der Führenden; sind diese nämlich rechtshändig orientiert, ist das ihr „toter Winkel“ und sie merken meist zu spät, welches Spiel der so getarnte Widerpart startet ... Meuterer gibt es auch in weiblicher Form, aber
nicht alle wollen tatsächlich die Führung übernehmen: ich erinnere mich
an eine Frau in einem meiner Ausbildungsseminare, die mir andauernd – und
für mich ziemlich unverständlich weil unsinnig – „dagegen“ redete.
Als ich schließlich genervt fragte, was sie denn eigentlich
damit bezwecke, konterte sie grinsend: „Ja merken Sie denn
nicht, dass ich nur mit Ihnen streiten will?“ Manchen macht
es eben Spaß, Kollisionskurs zu steuern ... oder einfach auch
nur Verwirrung anzurichten. Vielleicht macht das auch den Reiz von
Piratenfilmen aus: dass die bloßfüßigen Entrechteten
mit ihren zerfetzten Hemden und verwegenen Kopftüchern die strengen
Spielregeln der geschniegelten Ordnungshüter mit ihren Rangabzeichen
und Orden durcheinander bringen und das noch dazu auf meist recht
witzige Weise – als Manfred Deixs der Meere sozusagen. |