Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Selbsterkenntnis?

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 06.08.2005

In Krisenzeiten suche Menschen Halt und Orientierung, und das ist ja auch gut so: wenn man den sicheren Stand verliert, ist es klug, sich festzuhalten – die Frage ist nur: Wo?

Kleine Kinder stolpern zur Mama oder wer sonst ihre Bezugsperson ist und weinen sich aus: „Der Tisch hat mich gebissen!“ (diese Wortschöpfung stammt angeblich von mir) – sie suchen also die feindliche Ursache außerhalb ihrer selbst, aber dieser Außenfeind muss sichtbar sein. Später suchen wir unsere Außenfeinde in der Nachbarschaft – in der Konkurrenz. Das Wort Konkurrenz stammt ja vom lateinischen concurrere, „nebeneinander her rennen“, und vermutlich ging es bei diesen ersten Wettläufen darum, wer als erster beim Wasser war (wie ja auch das Wort Rivalität vom lateinischen riva, der Fluss, stammt). Dort, wo jemand selbstsicher genug und auch fähig ist, Enttäuschungen, Rückschläge und andere Widrigkeiten auszuhalten ohne physisch oder psychisch zu erkranken, sondern das Leben mit seinen Hochs und Tiefs vertrauensvoll zu ertragen, gibt er/sie sich selbst Halt. Wir Menschen tragen ja (im Gegensatz zu Krebsen etwa) unsere Struktur innen: unser Rückgrat zeigt ja auch an, ob jemand ein schweres Joch zu tragen hat (und einen Stiernacken entwickelt), den Kopf hoch trägt (und die Nase auch) oder gramgebeugt zu Boden starrt ...

Dennoch fällt es den meisten Menschen schwer, ihre innere Befindlichkeit mit äußeren Gegebenheiten in Zusammenhang zu bringen – vor allem dann, wenn sie etwas sehr wünschen oder befürchten. Dann suchen sie nach „Fingerzeigen des Schicksals“, bemühen die Astrologie, Tarotkarten oder I Ging und was da alles noch an parapsychologischen Hilfsmitteln angeboten gibt, oder sie wagen sich direkt zu den Wahr-Sagern, die Brücken in die Zukunft schlagen.

Es gibt einen Witz aus der Schublade der „drei gefährlichen P – Berufe“ (Polizisten, Professoren, Psychiater): treffen sich zwei Psychiater auf der Straße, sagt der eine zum anderen: „Schauen Sie mich bitte an, Herr Kollega – wie geht’s mir denn heute?“ Ähnliches „Feedback“ holen sich viele von Astrologen und anderen Interpreten der „Qualität der Zeit“: sie spüren oft selbst, dass was im Herannahen ist – aber sie trauen ihrer Eigenkompetenz nicht, brauchen eine „unabhängige“ Sicht auf Gegenwart und Zukunft, und begeben sich damit oft in Dauerabhängigkeit wie von einer Droge.

Für den Berufszweig der ärztlichen und psychotherapeutischen „Seel-Sorge“ hat der ungarische Arzt und Psychotherapeut Michael Balint das Wort von der „Droge Arzt“ geprägt: wesentlich für die Gesundung ist die Beziehung zwischen Hilfesuchenden und Helferperson. Aber man kann danach auch süchtig werden (vor allem, wenn man im tatsächlichen Berufs- und Privatleben überwiegend von „giftigen“ Menschen umgeben ist!).

Genau das wird aber den parapsychologischen Helfern meist vorgeworfen: sie lullten ihre Klientel durch manipulative Anpassung ein, verführten und suggerierten und wären überhaupt ganz arge Scharlatane wenn nicht gar Betrüger. Solche gibt es naturgemäß immer – auch in der Ärzteschaft oder Psychotherapeutenzunft gibt es seltsame Gestalten an der Grenze zum Okkultismus. Manche hingegen forschen seriös, manche sind einfach in das Geheimnisvolle verliebt, viele sind auf der Suche nach Macht. Übers eigene Leben. Über andere ...

Macht und Ohnmacht – damit umgehen zu lernen ist eine Lebensaufgabe. Da ist es schon hilfreich, jemand Kompetenten als uneigennützigen Gesprächspartner zur Seite zu haben – Eltern, Verwandte oder Freunde sind es fast nie; sie haben ihre eigenen Ziele den Ratsuchenden betreffend, professionelle „Wahr-Sager“ hingegen sind meist mit ihrem Honrar und guter Nachrede zufrieden.


-->  zurück
-->  zum Seitenanfang