Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
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Foto: Helmut Klein

Wohnen

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 30.07.2005

Im heurigen „Gedankenjahr“ (einer Wortschöpfung der Medienarbeiterin Helene Maimann) wird heftig der Wiederaufbau und dabei vor allem auch der Arbeitsleistungen der sogenannten Trümmerfrauen beim Wiederaufbau gedacht, nämlich dass sie viel Drecksarbeit verrichtet haben – wer sonst? Die Männer waren ja tot, vermisst, in Gefangenschaft oder körperlich und seelisch kaputt. Diese Frauen waren aber auch für „kreative Kulturbrüche“ gut – und zwar nicht nur beim Erfinden von Pappendeckelschuhen und –taschen, Vorhangstoffmänteln, Kochkisten und Patchworkbettzeug, sondern auch beim Wohnen.

Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter damals in die Ausstellung „Die Frau und ihre Wohnung“ pilgerte und jede Anregung sofort umsetzte: Platz sparen, daher Mehrfachnutzung. Vormals bedeutete Wohnkultur vor allem: eine kalte gute Stube in Rundholz Kaukasisch Nuss (mit selbst gehäkelten Untersetzern zur Schonung der Hochglanzpolitur) oder ererbtem Altdeutschen Staubfängerschnörkelstil (mit Baumwollbrokattischdecken zur Schonung ...). Eingeheizt wurde nur, wenn Besuch kam. Dazu ein noch kälteres Schlafzimmer, in dem nie eingeheizt wurde (daher mit Keuschheitsgarantie – sexuelle Revolution, samt Haremswärmeluxus hatte ja noch nicht stattgefunden!). Aber eine warme Küche, in der alle beisammen hockten, die Kinder spielten unter dem Tisch, die Frauen bereiteten obenauf die Mahlzeiten zu, die Väter – so überhaupt vorhanden – lasen Zeitung, „abseits“.

Und dann begann SW – „Schöner Wohnen“. Die Küchen wurden kleiner und funktioneller, man orientierte sich an der „amerikanischen Küche“ mit durchgehender Arbeitsfläche samt Oberkopfeinbauschränken statt der traditionellen „Kredenz“ und vor allem: einem Eiskasten! (Dass die österreichische Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ein ähnliches arbeitssparendes Design als sogenannte „Frankfurter Küche“ bereits in der Zwischenkriegszeit erfunden hatte, wurde totgeschwiegen, vermutlich weil sie erstens eine Frau und zweitens Kommunistin war!) Dafür gab es keine gute Stube mehr sondern ein Wohnzimmer, wirklich zum Wohnen, meist mit einer als Couch getarnten Bettbank (als Schlafplatz für den Nachwuchs, der nicht mehr wie früher, quer vor dem Doppelbett der Eltern schlafen musste, wenn nicht ohnedies zwischen ihnen – deswegen war damals ein eigenes Bett für Kinder bereits Luxus – von einem eigenen Zimmer ganz zu schwiegen, das wurde erst in den späten 70er Jahren langsam Standard), mit einem Nierentisch in passender Höhe und zwei bouclèbezogenen Leichtfauteuils (mangels Personal mussten ja die alleinhaushaltsverantwortlichen Hausfrauen die Möbel selbst schleppen können). Und im – noch immer kalten – Schlafzimmer gab es jetzt eingebaute Schrankwände statt der üblichen zwei Kleiderkästen – einen zum Hängen und einen zum Legen.

Konflikte ums Wohnen gab es nicht. Die Wohnungseinrichtung bekamen Eheleute meist von den Eltern zur Hochzeit geschenkt – und durften daran nichts ändern. Das gibt es heute noch (trotz der Selbstbaumode): immer wieder suchen mich Paare auf, bei denen SEIN Vater die Eigentumswohnung kauft, SEINE Mutter einrichtet und beide regelmäßig kontrollieren, ob das junge Paar – vor allem die Frau – nicht eigenmächtig was geändert hat. Wenn hier das junge Volk nicht deutlich derartige Einmischung abstellt, ist die Scheidung vorprogrammiert ... Denn obwohl ein ungarisches Sprichwort sagt, „Die im Bett hat Recht!“, gilt dies im anderen Teil der ehemaligen k.u.k. Monarchie leider nicht (außer bei der außerehelichen Gespielin ...).


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