Fotografieren erschienen in: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, wissen wir, und so fallen den Betrachtenden auf Fotos oder in den „laufenden Bildern“ Dinge auf, die man in der Live-Begegnung leicht übersieht. In meinem Besitz befindet sich etwa ein Foto aus meiner Zeit als Wiener Bezirksrätin, das ich überaus liebe: es zeigt eine Szene aus einem Favoritner Wahlkampf, und der damalige Bürgermeister Leopold Gratz schaut darauf über seine rechte Schulter nach rechts und gibt seine rechte Hand irgendwem ganz links. Nach allen Seiten offen ... Oder: vorige Woche gab es wieder „Wiesner fragt“, und er fragte den amtierenden Wiener Bürgermeister Michael Häupl, was wohl die Kolleginnen in der Redaktion an einer bestimmten Filmpassage negativ aufgefallen wäre. Häupl wusste es sofort: er hatte seine Hände in den Hosentaschen – was meiner Ansicht nach in dieser Szene durchaus gepasst hat: Häupl, der sich ja auch optisch in den vergangenen fünfzehn Jahren zu einem Prototyp des gemütlichen Wieners herausgewachsen hat, schlendert langsamen Schrittes durch den Raum. Soll er händisch schlenkern? Hätte er – dem oben zitierten Prototyp entsprechend – einen dreiteiligen Anzug angehabt, hätte er seine Daumen in Herzhöhe in die Armausschnitte des Gilets einhängen müssen; solches Vor-Bild kennen wir wohl alle von den Fotografien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, etwa von Fiakern. In „Wiesner fragt“ wurde dann auch Helene Karmasin, bekannt als Motivforscherin, nach der geheimen Bedeutung der versteckten Hände befragt, und sie interpretierte dies als Schutzbedürfnis. Wie falsch! Solche Interpretationen sagen mehr über die Fantasien des Betrachtenden aus als über die Realität des Betrachteten – wie ja auch die Wahl des Bildmotivs mehr über die Interessenslage des Fotografierenden aussagt als über die sogenannte Wirklichkeit (im Sinne von Realität, nicht im Sinne von was bewirkt wird). Warum regen sich so viele Menschen über „Hände im Hosensack“ auf? Aus zwei Gründen: erstens, weil es vielen von uns als Kindern streng verboten wurde – und zwar ohne Erklärung. Höchstens: „Das tut man nicht!“ und: „Es ist unhöflich!“ Wir sind aber nicht mehr bei Hof – wo der Fürst oder seine Adjutanten die Hände der Nahestehenden immer im Blick haben wollten, damit ja kein Dolch gezückt oder keine Giftperle in den Kelch geschmuggelt werde ... Zweitens aber, weil Hände, die aufeinander zu gerichtet sind, die Kraft der Person, die das tut, verstärkt – denken wir etwa an die Übung von Mönchen oder Nonnen, ihre Hände gegeneinander gerichtet in den Ärmeln zu verbergen: damit wird einerseits das Sonnengeflecht geschützt, andererseits ein Kraftfeld der Ruhe und Zentrierung geschaffen. Oder denken wir an die klassische christliche Gebetshaltung: auch durch die gefalteten Hände wird Zentrierung erreicht, allerdings wird die so – hoffentlich – gemehrte Energie nach oben gelenkt; man konzentrierte sich ja auch auf das „ganz Oben“, das Übergeordnete. Kleine Kinder sollen natürlich nicht so viel Kraft entwickeln, sondern brav, angepasst und formbar sein. Deswegen wird ihnen ja auch der „Narrenkastl-Blick“ sofort abgesprochen. Dabei wissen viele Psychotherapierfahrene, dass dieser Blick signalisiert, dass jemand „ganz bei sich“ ist und voraussichtlich unmittelbar vor einem Wachstumsschritt, einer kreative Leistung oder einem Tranceerlebnis – was meistens wiederum beides umfasst – steht. Da sich aber viele Menschen nicht respektiert fühlen, wenn man sie nicht – mehr oder weniger gehorsam – anschaut, beginnen sie meist von schlechtem Gewissen, Heimtücke oder Rebellion zu phantasieren, wenn jemand nicht so dreinschaut, wie sie es erwarten. Das Ziel, Rebellion zu unterbinden, liegt dann
auch in Appellen wie „Hände an die Hosennaht!“ Bauch hinein und Brust
heraus machen aber keinen sicheren Stand – den hat man, wenn
man „gegründet“ ist, wie es in den Körpertherapien
so schön heißt: breitbeinig, ein wenig knieweich. Nur
heißt’s dann wieder: „Wie schaut denn das aus? |