Schanigärten erschienen in: Vor vielen vielen Jahren hat mir einmal ein Journalist freudetrunkenen Gesichts und in epischer Breite erzählt, wie es ihm gelungen war, seine Freundin dazu zu bringen, spätnachts einen verlassenen Schanigarten dazu zu nutzen, was man üblicherweise im Schlafzimmer tut. Damals hatten Schanigärten noch Bretterzäune – heute, wo oft nur ein Rankgitter mit Efeu oder Buchsbaum in Betonkisten Begrenzung bietet, würde er vielleicht doch die Scheu an den Tag legen, die Menschen üblicherweise erleben, wenn sie ihre intimen Seiten entblößen ... Aber was tun nicht Süchtige aller Art, wenn sie den besonderen Kick suchen – jenseits jeder Vernunft (der sie ja auch entfliehen wollen). Da las ich doch unlängst in einer Tageszeitung, der ältliche Hollywoodstar Nick Nolte hätte in einem Interview seine „Lust am Alkohol“ mit den Worten verteidigt: „Es gibt Leute, die davon sprechen, dass Rausch der vierte Instinkt ist. Es scheint ein wahres Bedürfnis zu sein, der Wirklichkeit zu entfliehen.“ (Der Standard, 6. 7. 2005) Das mit dem Instinkt ist klarerweise Humbug – kein Tier würde freiwillig Nervengift zu sich nehmen und noch dazu in steigenden Dosierungen. Aber das Bedürfnis, der Wirklichkeit zu entfliehen, das hat Wahres an sich: wer kennt nicht aus seiner eigenen Biographie solche Augenblicke, in denen man gerne die Wirkungen rückgängig gemacht hätte, die man unvorhergesehen oder unvorhersehbar ausgelöst hat? Zum Beispiel den Katzenjammer am nächsten Morgen, wenn man zuviel Wein, Bier oder Schnaps in sich hinein geschüttet hat? Und wer kennt nicht die – zumindest gelegentliche – Sehnsucht, wer anderer zu sein als man ist? Üblicherweise phantasiert man so zu Beginn der Volksschulzeit: da fragt sich der oder die eine, ob man nicht ein vertauschtes Kind sein könnte ... oder geraubtes, weggelegtes, gerettetes ... oder man ist einfach neidisch auf dies oder das, was andere haben. Manche begleitet diese Unzufriedenheit ihr ganzes Leben – und oft sitzen sie dann in den Gaststuben oder -gärten und bramarbasieren über ihre Heldentaten (die entweder schon lange vorbei sind oder erst kommen werden ...). Denn dort „wohnt“ ja auch eine sichere Zuhörerschaft – die einen, weil es zu ihrem Beruf als gastfreundlicher Mutter- oder Vaterersatz dazu gehört, die anderen, weil sie als einsame, vernachlässigte oder sogar bereits verwahrloste „Kinder“ nur dort „versorgt“ werden und dankbar sind für jede „Ansprache“. Es gibt aber auch eine andere Wirklichkeit, vor der man gerne in Gastgärten „flüchtet“: hot in the city. Wenn das Thermometer über 30 Grad Anstieg verzeichnet, wenn der Büroalltag korrekte Kleidung erfordert und man auch kein Wasserschaff unauffällig unter dem Schreibtisch platzieren darf – dann verlegen viele, so sie das verantworten können, ihre Besprechungen dorthin, wo enge Straßenschluchten samt Luftzug mehr Kühle vermitteln als hochgelegene und meist sonnenbestrahlte Bürofluchten. Der Schanigarten vor dem Beisel, dem kleinen
Café, der Eisdiele,
ja sogar nur zwei Tische vor der Mini-Pizzeria vermitteln bereits
eine kleine Illusion von Urlaub und Freiheit und üblicherweise
arbeitet man dann auch besser weil kreativer und dadurch wieder motivierter.
Das wissen alle, denen ein gütiges Schicksal auch einen Büroinnenhof
beschert hat (egal, in welchem Stockwerk). Nur: ein bisschen
Grün muss dabei sein (und wenn es nur grün lackierte
Planken sind!). Weiteren Illusionsaufbau mittels alkoholischer Getränke
halte ich für weniger förderlich: Hitze allein hebt bereits
das Aggressionsniveau je nördlicher man wohnt und sich – noch – nicht
mittels Ernährung, Kleidung, Wohnform und Arbeitszeit (!) darauf
eingestellt hat (wie etwa die Südländer), da verbietet
sich der enthemmende und daher aggressionssteigernde Alkohol – in
welcher Form auch immer – eigentlich von selbst. |