Ordnung erschienen in: Da wurde doch neulich ein Kärntner Rechtspfleger wegen Amtsmissbrauchs verurteilt, weil er Akten schubladiert hatte – einfach liegen gelassen. Systematische Arbeitsverweigerung nannte dies der Ankläger, Überforderung der Verteidiger: es hätte doch den Vorgesetzten auffallen müssen, dass der Beamte für diese Arbeit nicht die nötigen Voraussetzungen mitbrächte ... Ohne eine Ahnung von der Persönlichkeit dieses Mannes zu haben, würde ich hingegen sein Verhalten eher als Ausdruck einer Depression benennen; vielleicht würde ich ihn auch einen „Messie“ nennen – einen, der keine Ordnung halten kann (was auch wieder Symptom einer Depression sein kann!). Diese Namensgebung ist ziemlich neu: sie stammt vom englischen „mess“, was in diesem Kontext so viel wie „Schweinerei“, „Saustall“ oder „Mist“ bedeutet. Messies räumen nichts weg – dazu fühlen sie sich zu schwach, verschieben auf morgen oder übermorgen oder irgendwann ... und sehen sich dann Müllbergen gegenüber, die nur mehr mit einer Putzbrigade zu bewältigen sind. Bei alten Menschen schiebt man dieses Verhalten meist auf den „geistigen Abbau“ und schmeißt radikal ihre liebgewordenen „Einrichtungen“ weg, und das finde ich ziemlich grausam (wenn auch aus hygienischen Gründen meist dringend notwendig). Denn so wie kleine Kinder ihr Liebgewordenes horten, sammeln alte Menschen auch – vor allem die, bei denen die „schlechten Zeiten“ vor, während und nach den Weltkriegen noch fest in der Erinnerung verankert sind. Sie stapeln Seifen im Kleiderkasten oder Essensvorräte unter dem Bett, Zeitungen sowieso und oft auch jedes Spänchen Holz – man muss ja was zum Feuermachen haben. Angst ist ein sicherer Nährboden für Depressionen: die Angst, zu wenig zu haben gehört auch dazu. Sie wurzelt in frühesten Kindheitserfahrungen – in der Angst zu verhungern wie auch in der Angst, verlassen zu sein, also niemand zu haben, der einen in hilflosen Zuständen versorgt. Bei Erwachsenen speisen derartige Ängste die Entstehung von Suchtverhalten oder von resignativer Erstarrung: im ersteren Fall kämpft man noch um Energiezufuhr (durch Essen, Trinken, Drogen, Sex ...), im letzteren hat man das schon aufgegeben, versucht nur mehr irgendwie „durchzukommen“. Leider wissen aber die Betroffenen meist nicht, dass sie im klinischen Sinn krank sind; sie vermeinen eher, schlechte Menschen zu sein und „Schuld“ an ihrem Antriebsmangel zu tragen, daher verstecken sie sich oft wie Übeltäter und verabsäumen derart, die professionelle Hilfe einzufordern, die sie so dringend bräuchten. Ein Baby hat weder das Bewusstsein noch das
Wissen und schon gar nicht die Sprache, um gegen seine Unterversorgung
zu protestieren – es
kann nur „randalieren“ (wie ein Betrunkener auch). Ein
Erwachsener sollte das aber schon erworben haben – und
auch Richter sollten in solchen Fällen vorerst ein psychiatrisches
Gutachten einholen ehe sie unterstellen, jemand würde vorsätzlich
oder grob fahrlässig seine Amtsstellung missbrauchen. Ein
psychisch gesunder Mensch liebt nämlich Ordnung: er spürt,
wie die Energie durch den – frei geräumten – Raum
fließt, genießt leer gearbeitete und frei geräumte
Schreibtische ohne Staub und Klebrigem, liebt Frischluft und helle
Beleuchtung und mag sich auch im Raum ungehindert „frei“ bewegen
können. Wem aber „Leere“ weh tut, wer sich hinter
Aktenbergen duckt, „verstunkene“ Wärme der aktivierenden
Frische vorzieht und sich von Dunkelheit beschützt fühlt,
der befindet sich vermutlich schon in einer mittelschweren Depression.
Dazu kommt noch, dass man sich auch selbst nicht mehr reinigen will – geschweige
denn seinen Arbeitsplatz oder seine Wohnung. |