Unterwelt erschienen in: Wenn ich das Wort Unterwelt höre oder lese, löst das bei mir immer eine Fülle von geistigen Bildern und Assoziationen aus: welche ist wohl gemeint? Der Hades – das Totenreich? (Sofort läuft mir meine Phantasie davon: Orpheus auf der Suche nach seiner geliebten Eurydike – die Operette „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach, der Cancan daraus ... „Orphee“ von Jean Cocteau, die Todesengel als Motorradfahrer ...) Auch Odysseus wagte bei seinen Irrfahrten die Reise in die Unterwelt ... Oder ist die christliche Hölle gemeint? Dantes Abstieg? Die Überschrift über dem Eingang zur Hölle: „Lasst alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr hier eintretet ...“ Oder geht es um die kriminelle Subkultur? Oder die eigene Seelentiefe – die ja auch Hölle sein kann oder gar kriminelle Züge beinhaltet? Oder handelt es sich um unterirdische Städte, wie sie gelegentlich in James-Bond-Filmen vorkommen und wie sie Fritz Lang in „Metropolis“ auf die Filmleinwand brachte, wo die versklavten Menschen roboten müssen, während oben die Reichen und Schönen sich in ihren Paradiesgärten ergehen? Aus deren Sicht ist die ausbrechende Revolution sicherlich „kriminell“ – weil sie die bestehende Ordnung umstößt, umstoßen will, nur – wie schon Blaise Pascal hinwies, als er formulierte, der Gipfel der Pyrenäen scheide Menschen in Verbrecher oder Helden – die Blickrichtung macht eben aus, wessen Anliegen man für berechtigt und damit gerecht hält! Oder steht Unterwelt „nur“ für das Kanalnetz etwa von Wien – in dem sich, wie seit dem „Dritten Mann“ bekannt, auch so manche dunkle Gestalten tummeln? Ich entscheide mich vorerst, Oberwelt und Unterwelt metaphorisch zu betrachten: mit oben bezeichnen wir im Gefolge der zweiteiligen Weltsicht von Aristoteles meist das Übergeordnete und daher Erstrebenswerte, mit unten das Unterlegene, Minderwertige. Wir bewerten und urteilen. Ur-teilen. Möglicherweise wurzelt diese Verachtung des unten Befindlichen, des Kleinen aus unserer frühen Kindheit, wo wir von unten auf die Großen hinauf schauen, sie bewundern oder fürchten und uns danach sehnen, dann, wenn wir endlich auch mal groß sind, all deren (vermeintliche) Privilegien genießen zu können ... Möglicherweise wurzelt diese Verachtung aber auch in den mehr oder weniger schwarzpädagogischen Appellen, das „da unten“ nicht anzugreifen ... das vordere wie das hintere. Denn „unten“ sind auch die Ausscheidungen, die wir „unter uns“ lassen, die uns beschmutzen, wenn wir sie nicht kunstgerecht entsorgen und uns stinken lassen und die anderen abrücken ... So tritt oft auch zusätzlich noch die Angst vor dem Herausfallen aus der sozialen Gemeinschaft dazu und die Sorge, womöglich „unten“ zu landen, in der Gosse, beim Abfall. Unsere Verdauungsprozesse spielen sich in unserer körperlichen Unterwelt ab: die materiellen wie auch viele der emotionalen. Immerhin wurde die Nervengeflechte des „Bauchgehirns“ vor wenigen Jahren ja auch naturwissenschaftlich entdeckt. Vorher hatte eben niemand danach geforscht! In der traditionellen chinesischen Medizin wie auch in anderen fernöstlichen Denksystemen ist das altbekannt – man benützt für die drei untersten der sieben formulierten Energiewirbel die Worte Sonnengeflechtchakra, Kreuzchakra oder Wurzelchakra und ortet dort die emotionalen Reaktionen auf Machtspiele, sexuelle Anwandlungen und Existenzbedrohungen. Denn wenn man das Positive im Negativen sucht, gelangt man im Blick nach unten zur Basis: zu dem Boden, der uns trägt, aber nicht nur uns sondern auch vielfache Früchte (was bei manchen wieder „üppige“ Fortpflanzungsphantasien auslösen mag). Unten bedeutet dann auch Erdverbundenheit, Standhaftigkeit, vielleicht sogar Widerstandskraft, aber auch das Gegenteil: die demütige Niederwerfung, wie sie in vielen Religionen als Glaubenspraxis geübt wird, und die uns erinnern sollte, dass wir alle irgendwann einmal in die Unterwelt – zu Mutter Erde – zurückkehren werden: als Staub oder Asche. |