Meer erschienen in: In den Schlagern säuseln die modernen Troubadoure gerne von Sonne, Wellen „... und Du ...“ und zaubern damit Phantasiebilder ins Hirnkino, die jedes Reisebüro-Plakat im Schatten verkümmern lassen. Meer – das bedeutet für viele die Verbindung von Hitze, Schweißperlen und Durst mit Kühle, Frische, Nässe und – Spaß. Der Spaß ist allerdings all denen vergangen, die zu Jahreswechsel selbst die Tsunami-Katastrophe im Südpazifik miterlebt hatten oder mit Verwandten oder Bekannten mit gelitten hatten. Da klingt das „Ozean Du Ungeheuer“ nicht nur von der Opernbühne herab sondern vibriert in den eigenen Zellen und die paradiesische Idylle zeigt ihre höllische Kehrseite. Und oft blitzt diese Kehrseite immer wieder auf, wenn man sie einmal erblickt hat: posttraumatisches Belastungssyndrom lautet dann die psychiatrisch-psychotherapeutische Diagnose und meint, dass der Schock und die Stresshormonausschüttungen noch nicht verarbeitet – „verdaut“ – und als Teil, als Detail des eigenen Lebens in die Biografie integriert werden konnten. Das Bild des Meeres als ein Symbol der eigenen Seelenlandschaft zeigt recht anschaulich, was Sigmund Freud mit „topisches“ Modell gemeint hat: er benützte zwar das Symbol des Eisbergs, von dem man nur einen geringen Teil als gleichsam das, was uns bewusst wird, über Wasser erkennen könne, der Rest – das Unbewusste – wäre unterhalb der Wasseroberfläche verborgen. Nimmt man hingegen gleich das Meer als Symbolbild, dann zeigt sich die mehr oder weniger bewegte Wasseroberfläche mit unterschiedlichsten Strandformierungen – Sandstrände oder Dünen, Kaimauern oder Klippen, Leuchttürmen oder lauernden Ungeheuern, und dem Tiefenbereich, den man noch optisch wahrnehmen kann, und darunter all das, was man nur mehr erahnt, von dem man überrascht wird, wenn es auftaucht – außer man ist schon routiniert, kennt die Untiefen und Monster, die gelegentlich aus der Tiefe empor tauchen und beliebte Gruselobjekte in Horrorfilmen darstellen. Wenn wir weiter das Meer als Symbol für unsere Sehnsüchte aber auch Ängste betrachten, und uns erlauben zu „bildern“ – geistige Bilder ablaufen zu lassen – dann lauern aber die Gefahren nicht nur in der Tiefe – auch von oben können Raubvögel auf einen nieder stürzen oder Piraten hinter Felsen hervor – und manchmal kann man sie auch schon weit her herannahen sehen ... Solche selbst gestaltete Bilder von Landschaften zeigen uns immer verschlüsselt den Zustand unserer psychischen Befindlichkeit – egal, ob wir sie malen, in Sand bauen oder tagträumen. Deshalb lohnt es sich auch, mehr vielleicht noch als Tagebuch schreiben, immer wieder ohne viel nachzudenken Landschaftsbilder zu zeichnen oder zu malen und sich danach zu überlegen, wofür wohl die einzelnen Details stehen könnten ... welche Wetterlage zu Tage tritt, welche Gefahren und welche Sicherheiten, Stützpunkte, Helfer oder auch: was müsste man dazu tun, damit man sich sicher fühlen kann oder zumindest gut ausgerüste t... vor allem, wenn man es wagt, den Weg hinab zu suchen! In manchen Märchen taucht ja auch das Motiv der Unterwasserwelt auf, oft mit einem Schloß, in dem Nixen wohnen und meist auch ein eher unfreundlicher Wassermann, der sich erst, wenn man ihm dient, als Beschützer oder Unterstützer erweist. Dieses Königreich in der Tiefe besitzen wir alle, und den Zugang dazu finden wir – wie in diesen Märchen – meist erst durch eine Katastrophe: die einen wissen gar nicht, dass es eine „Unterwelt“ gibt, oder wenn, dann nur vage vom Hörensagen. Hinab werden sie dann gezogen – von einer Nixe etwa; oder sie stürzen aus ihrem Boot oder rutschen am Ufer aus. Man könnte deuten: entweder erfahren sie in einer Beziehung Tiefgang (begleitet von all den Angstgefühlen, die halt Unbekanntes auslöst), oder sie erleiden einen Absturz im Beruf oder „so nebenbei“. Die Symbolik kündet, wie solch eine „Tiefung“ bereichern kann: indem man sich einlässt auf neue Erfahrungen, Respekt erweist – und bereit ist, zu lernen. |