Perner Archiv

 
"Perners Notizen"
-->  Wiener Zeitung
Foto: Helmut Klein

Kultursommer

erschienen in:
"Wiener Zeitung" – 11.06.2005

In Matzen, wo ich seit knapp drei Jahren wohne, gibt es im Juli Sommerspiele. Heuer wird der Schwank „Der wahre Jakob“ von Franz Arnold und Ernst Bach aufgeführt – voriges Jahr war es „Dame Kobold“ von Calderon de la Barca, das Jahr davor „Figaros Hochzeit“ von Beaumarchais ... aber auch Molieres „Der eingebildete Kranke“ oder Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“ finden sich im Programm vergangener Jahre. Wie man merkt, bevorzugt die Theatergruppe „Schloßspiele Matzen“ die heiter-ironische Muse – und genau das hilft ja auch, sich zu entspannen.

Entspannung ist ein wesentlicher Bestandteil der Salutogenese – der Lehre von der Gesundheitsförderung. Man sollte sein Augenmerk ja nicht nur auf das richten, was man an Speis und Trank zu sich nimmt – besonders bei hochsommerlichen (oder umgekehrt auch tiefwinterlichen) Temperaturen – und wieviel Bewegung ab 35 Grad im Schatten noch gesundheitszuträglich ist, sondern auf alles andere auch, was man an sich heran oder in sich hinein lässt. Geistigen Unrat etwa oder giftige Beziehungen. Manches, was man so unüberprüft aufnimmt, führt in Blitzesschnelle dazu, dass man sich verspannt: der Körper wehrt sich – beispielsweise durchs Hochziehen der Schultern, durchs Ohrensteifhalten oder Zähnezusammenbeißen. Die psychosomatischen Folgen von derartigem Dauerstress beschäftigen dann Physiotherapeut/innen, Masseur/innen oder Zahnärzt/innen ...

Zur Salutogenese, wie ich sie verstehe, gehört, sich bereits im Ansatz derartiger körperlicher Abwehr- oder Durchhalteformen bewusst zu werden – und die Auslöser zu erkennen. Dann erst kann man alternatives Verhalten erfinden und einüben – der klassische Inhalt von Lebens- und Sozialberatung oder im bereits eingetretenen Krankheitsfall von Psychotherapie. Oder von Kunstgenuss ... denn oft bringen Künstler schneller das nötige Aha-Erlebnis zustande, als manche Experten auf dem Gebiet psychologischer oder seelsorgerischer Dienstleistungen.

Lachen befreit ebenso wie Weinen: man „drückt“ sich aus. Deswegen wird Theater ja oft durch die beiden Masken – eine lacht, eine weint – symbolisiert. Auch die Sommerspiele Matzen haben dieses Markenzeichen auf der Titelseite ihres Ankündigungsfolders.

Und genau deswegen wollen sich manche Menschen ja auch gar nicht entspannen: sie könnten dadurch ja „offener“ werden und alte Gefühle könnten hervorbrechen – verdrängte Schmerzen, unterdrückte Wut oder auch nur belastende Erinnerungen. Man sieht sich selbst im biographischen Zusammenhang wie in einem Spiegel und wird hoffentlich von Selbstmitleid ergriffen – denn wer soll uns den wirklich mitleidsvoll verstehen, wenn wir nicht selbst? (Deswegen sind so Sätze wie „Tu dir nur nicht leid!“ grausame Verbote, zu sich zu stehen! Ich frage oft in therapeutischen Gesprächen – und habe es auch in meinem letzten Buch „Hausapotheke für die Seele“ hineingeschrieben – „Zu wem wollen Sie halten – zu sich oder zu den Anderen?“)

Als Theater- oder Opernpublikum fällt es leichter, mit den Akteuren auf der Bühne, mit denen wir uns identifizieren, mitzuleiden. Oder sich erleichtert zu distanzieren ... Und wenn das alles noch im Freien geschehen kann, in lauen Sommernächten, wenn die Tageshitze erlaubt, ein langsameres Lebenstempo zu genießen als in der Hektik der arbeitsintensiven Frühlings- oder Herbstzeit, und man sich infolge der geringeren Bekleidung auch stärker seines Körpers bewusst wird, dann kann neben den „seelenreinigenden“ Inhalten von Schau- und Hörspielen, Ausstellungen oder Festen vor allem Lebensqualität auch vor Ort genossen – oder auch selbst aktiv gestaltet werden. In den Matzener Sommerspielen spielen Matzener „in Eigenregie und aus Idealismus“ und „unentgeltlich“.


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