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Gut ein Dutzend Jahre sind vergangen, seit der erste Medienkoffer zur Sexualerziehung in weiten Teilen der Bevölkerung Empörung und Proteste auslöste – und ein Dutzend Tage, seitdem die (fachlich fundierte, in der Aufmachung voraussehbar provokante) Broschüre "Love, Sex und so ..." des Generationenministeriums für ebensolchen Unmut bei etlichen Bischöfen, insbesondere dem Moraltheologen und Salzburger Weihbischof Laun, sowie dem katholischen Elternverband der mittleren und höheren Schulen sorgte: Sie sei ein "offizieller Freibrief zu einem zügellosen Sexualleben". Ähnliche Besorgnisse kann man auch aus den Überlegungen zu einer Sexualethik "für unsere Zeit" herauslesen, mit der Kurt Lüthi, emeritierter Ethikprofessor an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, seine "Christliche Sexualethik" beginnt. Im Gegensatz zur "Dritten Welt" betrachteten viele Menschen in der heutigen "Erlebnisgesellschaft" der westlichen Industriestaaten Leben inklusive Sexualität als ein "Erlebnisprojekt". Dazu verlockt ein zugehöriger Markt mit explodierenden Angeboten. Zum einen suche man solche Erlebnisse in Erfolgen: im Studium, in der Karriere, im Beruf oder in Beziehungen und Begegnungen, in Selbsterfahrungen, im "Innenleben" (und all das immer mehr auf dem boomenden Psycho- und Religionsmarkt) oder in äußeren Aufbrüchen, in Angeboten der Umwelt. Dazu gebe es aber auch zunehmende Erlebniserwartungen in der virtuellen Welt. Nur: Diese Fülle der Angebote ruft leicht den Eindruck hervor, man komme auf der Suche nach dem Glück zu kurz. "Glücklich-Werden" als Ziel in Partnerbeziehungen gilt immerhin erst seit dem Übergang von der Romantik zur Neuzeit als anzustrebendes Ziel. Vorher
spiegelte das Lebensmodell des "ganzen Hauses" die Mehr-Generationen-Großfamilie (samt Gesinde), die Arbeits- und Versorgungsgesellschaft bäuerlich-agrarischer Verhältnisse, in der emotionale und personale Probleme kaum Raum hatten, Schicksalsschläge nach traditionellem Brauchtum, Moral und Religion geregelt und überhaupt Entscheidungen durch die Autorität des Vaters gefällt wurden. Demgegenüber ist die hochindustrialisierte Neuzeit durch Arbeitsteilung, Kaufwirtschaft, dazu ein staatliches Sozialnetz, Mobilität und personale Unabhängigkeit, aber auch Isolation durch Verstädterung, Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz – damit "Haus ohne Vater" – gekennzeichnet. Der Übergang von der traditionellen "Ehe als Institution" zur Ausübung von Macht und Kontrolle zur modernen "Neigungsehe" als personaler Beziehung definiert die Liebe als sinnstiftend für die menschliche Existenz – und wertet damit gleichzeitig die früher verachteten oder verbotenen alternativen Lebensformen auf. Kurt Lüthi zeigt im Gefolge Sigmund Freuds die Parallele, dass zu traditionellen Vatergestalten als Diener repressiver gesellschaftlicher Interessen ebenso ein Gottesbild als Über-Ich-Instanz angedacht wird, der gegenüber der Mensch "ewig Kind des göttlichen Vaters" und "Angepaßter an gesellschaftliche Ordnungen und Systeme" und damit unreif bleibe. So könne aber weder die Bestimmung einer autonomen Existenz gelingen noch jene Balance, "wo zwischen Anpassung und Widerstand Entscheidungen getroffen werden". Und Lüthi fragt: "Gibt es Alternativen zur traditionellen, repressiven Sexualmoral, deren Stütze eine autoritäre Religion ist?" Ja, antwortet er, in einer "Theologie der Befreiung", in der Gott "nicht knechtende und ängstigende Über-Ich-Instanz ist, sondern Impuls zu Wegen der Befreiung und Emanzipation". Gott wird somit nicht als Gott der Ordnungen verstanden, auch nicht als der eine Pol in einem dualistischen Wirklichkeitsverständnis, der dem anderen Pol des Bösen gegenüber
steht, sondern als personales Gegenüber des Menschen, der den Menschen auf allen Wegen begleitet, die einmal als "gut", einmal als "böse" erlebt werden. Daher soll der Mensch auch das sexuelle Körpergeschehen angstfrei erleben, das nicht mehr dualistisch abgespalten und dämonisiert wird – aber mit der Aufgabe, sich selber und anderen gegenüber Verantwortung zu übernehmen und: Solidarität mit Behinderten, Diskriminierten, gerade im Bereich des Sexualverhaltens, wahrzunehmen. So kann das Natürliche und das Christliche in Einklang gebracht werden. Im Sinne der "Theologie der Befreiung" plädiert Lüthi auch im Bereich der Sexualität für Befreiung aus entfremdenden und dehumanisierenden – die Rechte und Würde des Menschen verletzenden – Verhältnissen, statt im dualistischen Sinn auf Befreiung von dämonisiertem Triebgeschehen zu zielen. Da das biblische Motiv der Befreiung von Unterdrückung und Demütigung aber immer auch das Exodusmotiv als Aufbruch zum Neuen enthält (Gott "wandert" mit!), kommt der Mensch um seinen Entwicklungs-Weg "von der Natur" und ihren Bedingungen "zur Kultur" nicht herum: "Für das menschliche Sexualverhalten bedeutet das: Es geht um eine Auseinandersetzung, Formung und Weiterentwicklung der natürlich vorgegebenen Triebwelt." "Sehen – Urteilen – Handeln!" lautet daher
sein Postulat zu einem Überblick über "Traditionen
– Optionen – Alternativen" (so der Untertitel seines Buchs) und
einem Weg zu einer zärtlicheren, leidenschaftlicheren, spielerischen
Sexualität, der auch "abweichendes" Sexualverhalten
respektiert. Manche werden dies wohl wieder als "Freibrief für
ein zügelloses Sexualleben" deuten. Abgrenzungen gegenüber
unerwünschtem Sexualverhalten fehlen nämlich - ebenso wie
ein deutliches Bekenntnis gegen sexuelle Gewalt im Sinne eines Christentums,
das immer auf der Seite der Opfer steht. |